Drehen in der Römerzeit

Bohrungen in prähistorischen Stein- und Bronzewerkzeugen zeigen, dass bereits in dieser Zeit "Bohrmaschinen" benutzt wurden. Es handelt sich hier um Fiedelbohrer: ein Bogen, dessen Seil um einen runden Stab gewickelt ist, der das Bohrwerkzeug trägt. Durch Hin- und Herbewegen des Bogens wird der Bohrer in eine Drehbewegung mit abwechselnder Drehrichtung versetzt.

Dieser Fiedelbohrer kann als Vorgänger des Drehstuhles angesehen werden. Hier befindet sich nicht mehr das Werkzeug, sondern das Werkstück zwischen zwei Spitzen in der Drehachse. Durch die vor- und rückwärts-laufende Bewegung konnte jedoch nur die halbe Zeit produziert werden, auch konnten nur stabförmige Werkstücke bearbeitet werden.

Boden einer kleinen Kasserolle Ausschnitt aus der innersten Rille der Kasserolle
Boden einer kleinen Kasserolle
1. Jh. n. Chr.
Vergrößerter Ausschnitt aus der innersten
Rille der Kasserolle mit deutlichen Rattermarken

Schon die Römer arbeiteten anscheinend mit einer Maschine, die man unter heutigen Gesichtspunkten eine Drehbank nennen kann. Mit Hilfe von vielen gefundenen Werkstücken (z.B. Gefäße, Platten, Teller oder Becher) wurde versucht, eine solche Drehbank zu rekonstruieren: Mit einer Pinole mit kleiner Stahlspitze wurde das Werkstück gegen das Futter gedrückt und zentriert. Das lateinische Wort pinola bedeutet "Pflock" bzw. im Mittellateinischen "Nagel". Die frühere Bezeichnung für Pinole war "Reitnagel". Ein kleiner Schönheitsfehler dieser Aufspannung war, dass die Fläche unter der Pinole nicht bearbeitet werden konnte. In das Futter wurden wahrscheinlich dem Werkstück angepaßte Vertiefungen eingedreht, ähnlich wie wir es heute beim Drechseln von Holz kennen. Messungen an einer gut erhaltenen Kasserolle haben eine geringe Exzentrizität von nur 0,1 mm für die Bearbeitung der zweiten Seite ergeben.

Konstante Drehrillen, sowie Ratterspuren auf einer kleinen Kasserolle aus dem 1. Jh. n. Chr. lassen auf einen kontinuierlichen Antrieb schließen. Auch die sehr feinen, regelmäßigen Zierlinien auf der Innen- und Außenseite verschiedener Teile unterstützen diese Annahme.

Die größte gefundene gedrehte Platte aus einem spätrömischen Silberschatz von Kaiseraugst hat übrigens einen Durchmesser von 610 mm. Metallographische Aufnahmen einer spätrömischen Silberplatte haben gezeigt, dass das Metall vor dem Drehen kaltverformt und weichgeglüht wurde. (Einphasiges, ziemlich gleichmäßiges feinkörniges Gefüge mit Gleitlinien.) Der Rohling einer etwa gleich alten Kasserolle wurde gegossen. Oberflächenuntersuchungen einer Schale haben ergeben, dass sie (auf der Innenseite stärker) nach dem Drehen mit losem, geschlämmten Korn poliert wurde.

Rekonstruktion einer römischen Drehbank Überarbeitung der Oberfläche einer kleinen Kasserolle Vertiefung und drei Mitnehmerspitzen der Planscheibe
Rekonstruktion einer römischen Drehbank Überarbeitung der Oberfläche einer kleinen Kasserolle Zylindrische Vertiefung und drei Mitnehmerspitzen der Planscheibe

Oreibasios, von 355-363 Leibarzt des Kaisers Julianus, hat uns in seiner fragmentarisch erhaltenen Schrift Iatrikai Synagogai Angaben über verschiedene Schraubenarten hinterlassen. Er spricht von vierkantigen und linsenförmigen Gewindeprofilen, links- und rechtsgängigen Zugschrauben, selbst von solchen, deren links- und rechtslaufende Windungen sich auf der gleichen Partie der Spindel überschneiden. Er sagt auch, daß man die Schrauben auf der Drehbank schnitt. Andere Quellen zeigen, dass die Drehbank, die bei Oreibasios erwähnt wird, schon für die Zeit um 79 n. Chr. vorausgesetzt werden kann.

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Susanne Hofmann * Technische Dokumentation * Bad Nauheim.
Entwurf und Umsetzung: S. Hofmann Februar 2001; letzte Änderung 27.04.2009. Anregungen bitte an den Webmaster.